This entry was posted on Montag, Dezember 22nd, 2008 at 16:58 and is filed under Geschichten. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.
Ich bin schon immer wahnsinnig gerne barfuß gelaufen; auch als Kind. Bloß hat meine Mutter es mir da immer verboten. Kind, wenn du draußen barfuß herumläufst, dann bekommst du schmutzige Füße, hat sie mir gesagt. Am liebsten hätte ich ja dann erwidert: “Na und?” Aber so frech redet man mit seiner Mutter natürlich nicht. Außerdem wusste ich ja auch, schmutzige Füße machen schmutzige Fuß-Böden, und die hätte meine Mutter wieder wischen müssen.
Außerdem, wenn die eigene Mutter einem etwas sagt, dann tut man es. Also bin ich früher nur ganz selten mal barfuß herumgelaufen; höchstens mal zu Hause oder im Schwimmbad oder so. Aber das lässt sich alles nicht damit vergleichen, dass man draußen auf den Straßen barfuß geht.
Oh, was habe ich die Girls beneidet, deren Mütter nicht so streng waren, die nicht dauernd gewarnt haben, dass barfuß gehen schmutzige Füße einbringt. Und da gab es viele, die liefen ganz unbekümmert ohne Schuhe herum, zeigten sogar in der Schule ganz ungeniert nackte Füße. Und schmutzige Füße.
Ihr kennt doch sicherlich das Lied von Michael Holm – “Barfuß im Regen?” Okay, das Lied selbst finde ich jetzt nicht unbedingt so prickelnd. Aber barfuß im Regen herumzulaufen, das würde mir schon gefallen. Und das werde ich auch ganz bestimmt machen, sobald es das nächste Mal regnet.
Inzwischen bin ich nämlich etliche Jahre älter geworden. Ich bin kein Kind mehr, ich bin jetzt erwachsen und ich wohne auch nicht mehr bei meinen Eltern. Seit ein paar Wochen habe ich eine eigene Wohnung. Das heißt, ich kann endlich die ganzen Dinge tun, vor denen meine Mutter mich früher immer gewarnt hat. Zum Beispiel einfach barfuß durch die Stadt zu gehen. Genau das habe ich nämlich am letzten Wochenende gemacht, und es war absolut fantastisch.
Das Perverse daran ist, dass ich eigentlich Schuhe kaufen wollte. Ich habe ein paar ganz tolle hochhackige Sandaletten, aus schwarzem Leder, spitz zulaufend, mit spitzem Absatz und einem Riemchen um die Knöchel. Die ziehe ich unheimlich gerne an; oder vielmehr, die zog ich unheimlich gerne an. Ich liebe schöne Schuhe. Ich stehe halt auf alles, was mit Füßen zu tun hat; also auch auf Schuhe.
Leider sind diese Sandaletten aber nicht mehr die neuesten; sie sind schon fast zwei Jahre alt und ich habe sie sehr oft getragen. Und ich wollte ein ähnliches Paar kaufen, bevor sie ganz kaputt waren. An einer Stelle war das Riemchen am linken Fuß nämlich schon ganz dünn und aufgescheuert. Wie peinlich, wenn sich das beim Gehen plötzlich löst, habe ich noch gedacht, als ich losgezogen bin.
Aber natürlich ist genau das dann schließlich unterwegs doch passiert. Ich wollte gerade zur Fußgängerampel laufen, um noch bei Grün über die Straße zu kommen, da riss auf einmal das Riemchen, ich verlor fast meinen linken Schuh und hätte mich beinahe der Länge nach auf die Nase gelegt.
Die grüne Ampelphase konnte ich auf jeden Fall vergessen. Hinkend begab ich mich zu einer Bank in der Nähe und besah mir zuerst einmal den Schaden an den Sandaletten. Das Riemchen war ganz bestimmt nicht mehr zu retten; die Sandalette war hinüber. Und das Schuhgeschäft war noch mindestens einen Kilometer entfernt; die Fußgängerzone ist eben ziemlich lang.
Was sollte ich jetzt bloß machen? Mit Hinken konnte ich die Strecke bestimmt nicht zurücklegen. Aber schon bald hatte ich einen Geistesblitz. Ich konnte doch einfach barfuß laufen! Das hatte ich mir doch sowieso schon immer gewünscht, einmal barfuß in der Stadt unterwegs sein. Also zog ich beide Sandaletten kurz entschlossen aus, nahm sie in die Hand – und marschierte los, auf nackten Füßen.
Zuerst fühlte der Asphalt sich ganz schön hart unter meinen Fußsohlen an. Ich war das barfuß Laufen einfach nicht gewöhnt. Aber ein Schwarzfuß-Indianer – und genau in einen solchen würde ich mich ja beim barfuß Gehen verwandeln, zwar nicht in einen Indianer, aber in einen Menschen mit schwarzen Füßen – kennt keinen Schmerz, und so ging ich tapfer immer weiter, barfuß. Viele Leute haben mich und meine nackten Füße ziemlich verwundert angestarrt. Ganz so häufig passiert das ja heute dann doch nicht mehr, dass Frauen barfuß auf der Straße zu sehen sind. Die Zeit der barfüßigen Blumenkinder ist nun einmal schon ganz lange vorbei.

Die meisten grinsten aber einfach nur verschwörerisch. Entsetzt schien keiner über das barfüßige Girl zu sein. So genoss ich den Marsch und nackte Füße ebenso wie die Blicke der anderen und kam dann endlich sogar tatsächlich beim Schuhgeschäft an. Da jedoch fiel mir dann plötzlich der Spruch meiner Mutter wieder ein; wer barfuß geht, bekommt schmutzige Füße.
Und wenn man schmutzige Füße hat, kann man sich damit ja wohl schlecht ins Schuhgeschäft wagen, nicht wahr? Denn der Verkäufer oder die Verkäuferin würden die schmutzigen Fußsohlen ja sofort entdecken und bestimmt die Nase rümpfen. Da helfen auch die Füßlinge aus Nylon zum Schuhe anprobieren nicht viel.
Ziemlich unentschlossen stand ich eine Weile vor dem Schuhgeschäft herum. Da entdeckte mich von innen auf einmal mein Lieblings-Verkäufer, ein richtig süßer junger Typ, und winkte mich herein. Der hatte mir schon viele Schuhe verkauft, denn ich kaufe gerne Schuhe. Das gab dann schließlich den Ausschlag; ich betrat das Schuhgeschäft, noch immer barfuß, meine alten Schuhe in der Hand.
Als ich ihm mein Unglück geschildert und ihm das kaputte Riemchen gezeigt hatte, hatte er auch sofort Verständnis dafür, dass ich ihm diesmal schmutzige Füße und richtig schwarze Fußsohlen hinhalten musste. Er bot mir sogar an, mir die Füße zu säubern und holte ein paar feuchte Tücher dafür.
Merkwürdigerweise kam es mir so vor, als würde er sich, als er mir die Fußsohlen vom Schmutz der Straße reinigte und mir anschließend die Nylon-Füßlinge überstreifte, ganz besonders ausgiebig, lange und liebevoll mit meinen Füßen befassen. Könnt ihr euch das erklären?